Suche
Twitterwall

Forum > Vom Kooperativen zum kompetenzorientierten Lernen

Vom Kooperativen zum kompetenzorientierten Lernen
What children can do together today, they can do alone tomorrow. (Let Vygotsky, 1962)
Verschiedene Kräfte in Richtung kompetenzorientierten Lernens wirken vor allem auf die weiterführenden Schulen in allen Bundesländern ein:
• Die kompetenzorientierten Bildungsstandards der KMK setzten im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends nach den ersten PISA-Ergebnissen kompetenzorientierte Messlatten für die Bildungsabschlüsse des gegliederten Schulsystems;
• mit den zentralen Vergleichsevaluationen (VERA 3 und 8) und zentralen Abschlussprüfungen am Ende der Sekundarstufe I sind die Lehrer/innen aller allgemeinbildenden Schulen gezwungen, einen kompetenzorientierten und lern(stands)diagnostischen Blick auf die Leistungsentwicklung der Schüler/innen und damit auf die Kompetenzerwerbs-Effizienz ihres Unterrichts zu entwickeln;
• mit den „Kernlehrplänen“ , die sich von Deutsch, Englisch, Mathematik über die Naturwissenschaften und Sprachen allmählich in allen Fächern verankern, werden stoffplanorientierte Lehrpläne durch kompetenzorientierte Curricula ersetzt;
• in der Lehrerausbildung setzen sich – oft erst zögerlich – konstruktivistische didaktische Ansätze durch, die die geringe Lerneffizienz eines auf den Durchschnitt der Schülerschaft orientierten einheitlichen Unterrichts voraussetzen und lernerorientierte individualisierte Lernprozesse fokussieren;
• je mehr Förderung als Aufgabe jeder Schule und aller Fächer ernst genommen wird, desto selbstverständlicher werden Ausgangs- und Entwicklungsdiagnosen bezüglich der Kompetenzentwicklung der einzelnen Schüler/innen (und je mehr die einzelne Schule um eine existenzerhaltende Quantität an Schülern/innen kämpfen muss, desto stärker wird eine Selektion nach vorgegebenen Kompetenzstandards durch eine an die Kompetenzvoraussetzungen der jeweiligen Schule angepasste Angleichungsförderung ersetzt werden);
• die Rechtfertigungsargumentationen bezüglich von Schulformen, die homogene Schülergruppen verteidigen wollen, werden realpolitisch wie wissenschaftlich immer obsoleter. Die (städtischen) Bildungsträger sehen aus finanziellen Konzentrationszwängen wie auch u.a. der Verpflichtung, Inklusionsangebote zu machen, immer mehr die Vorteile von intergierten schulischen Systemen. So können Schulen immer weniger nur traditionelle fachliche Bildungsgüter verteidigen, sondern müssen sich der Aufgaben stellen, überfachlich und fächerverbindend Kompetenzraster zu vereinbaren, die eine Zusammenarbeit der Fächer beim Kompetenzerwerb und ein differenziertes Kompetenzniveau für jede/n einzelne/n Schüler/in organisieren.

Die Schulen stehen also vor der Aufgabe, den Unterricht in Fächern kompetenzorientiert zu strukturieren. In verschiedenen Bundesländern, z.B. bei uns in Nordrhein-Westfalen, sind sie verpflichtet, ihr Curriculum entsprechend weiterzuentwickeln. Das kann natürlich formal geschehen und der Unterricht verändert sich in der Praxis wenig.
Werden diese Impulse aber als Anregungen für die Unterrichtsentwicklung genutzt, ergeben sich durch den Paradigmenwechsel von der Lehrkraft bzw. der/m Unterrichtenden hin zur/m Moderator/Organisator/in von Lernprozessen auf der einen und vom Lernstoffaneigner zur/m selbständigen Lerner/in auf der anderen Seite enorme Chancen der Effizienzsteigerung und Nachhaltigkeit der Lernprozesse.
Nur: Wie kommen – selbst innovationsinteressierte – Kollegien auf den Weg, der doch, um beim Bild zu bleiben, eine ganz neue, ungewohnte Fortbewegungsweise verlangt und den störrischen Eseln, die man zum Weitergeben ermuntern oder notfalls auch zwingen musste, zutraut, dass sie ihre eigenen Ziele und dafür auch ihr eigenes Tempo, manchmal auch ihren eigenen (Um-)Weg verfolgen können?
Meine These:
Das Kooperative Lernen bietet dafür eine noch nicht genügend geschätzte Brücke für die Lehrkräfte wie für die Schüler/innen, um den mentalen Umschwung einzuleiten und um diesen Weg immer selbständiger gehen zu können.
Das Kooperative Lernen ist kompetenzorientiert angelegt und setzt ebenfalls konstruktivistische didaktische Prinzipien um. Es bietet den Unterrichtenden strukturierte Steuerungsinstrumente an, um den Lernenden Grundkompetenzen für selbständiges Lernen zu vermitteln und ihre eigene Aktivität und Verantwortung in den Lernprozessen in den Mittelpunkt zu stellen. Es bietet den Unterrichtenden die Möglichkeit, die Lernprozesse ihrer Klassen und die einzelnen Lernenden zu beobachten und einen neuen Blick auf die eigene Rolle im Unterricht zu gewinnen.
Begründungen:
Die nebenstehende Tabelle versucht von unten nach oben nach Komplexität geordnete Entwicklungsschritte hin zum kompetenzorientierten Unterricht einerseits mit den Chancen der Verfahren des Kooperativen Lernens, andrerseits mit der didaktischen Philosophie des Kooperativen Lernens zu verbinden.
Folgende Brückenfunktionen des Kooperativen Lernens werden dabei verdeutlicht:
1. Kooperatives Lernen organisiert per se schüleraktive Lernprozesse, in denen Schüler/innen immer mehr Verantwortung für ihr Lernprodukt übernehmen. Es setzt personale, soziale und kooperative/kommunikative Kompetenzen voraus und entwickelt diese weiter.
2. Die/der Unterrichtende bekommt in den Phasen der Schüler/innen-Kooperation die Möglichkeit, sowohl einzelne Schüler/innen als auch Gruppen zu beobachten. Räume für den diagnostischen Blick werden so geschaffen.
3. Kooperatives Lernen ist produkt- und präsentationsorientiert. Produkte/Präsentationen brauchen Qualitätskriterien. Über solche Qualitätsstandards, die sich ja nicht nur auf das Produkt, sondern seinen Entstehungsprozess beziehen werden, werden Schüler/innen wie Lehrer/innen darin geübt, basale, aber auch Zusatzstandards für Leistungsstärkere zu vereinbaren.
4. Kooperatives Lernen lebt aus der Interaktion in den /zwischen den Gruppen, in denen Einzelne ihre Stärken einbringen, mit ihnen anderen helfen und durch das „Lernen durch Lehren“ ihre Kompetenzen vertiefen können. Unterschiedliche Kompetenzen bei verschiedenen Schülerpersönlichkeiten werden erlebbar und positiv genutzt.
5. Kooperative Lernen lenkt, wenn es wirklich verankert werden soll, den Blick auf die Lernprozesse und – inhalte der anderen Fächer. Wer die Schüler/innen mit Hilfe kooperativer Verfahren in einen kognitiv anspruchsvolleren und tiefergehenden Lernprozess einbinden will, muss notwendigerweise stoffliche Aneignungsprozesse verlangsamen, das Curriculum deshalb stofflich entrümpeln und mit den Nachbarfächern vereinbaren, welche Kompetenzen gemeinsam bzw. auch arbeitsteilig erworben werden können. Deshalb ist das Kooperatives Lernen als Konzept selbst auf multidimensionalen Kompetenzerwerb ausgerichtet
6. Kooperatives Lernen hat sowohl Feedback in und gegenüber den Arbeitsgruppen als auch die Reflexion des Arbeitsprozesses wie seiner Ergebnisse als konstitutive Elemente. Schüler/innen wie Lehrer/innen werden dadurch verpflichtet, ihre Arbeit und die anderer in verantwortlicher, fairer, ressourcenorientierter Weise zu bewerten. Wer sich auf diesen Weg begeben hat, hat den Einstieg in eine lernprozessorientierte Steuerung des „Lehrens“ und Lernen gefunden!
7. Indem die Schüler/innen sich in explizit formulierten Rollen im Arbeitsprozess erproben, lernen sie sich über die Reflexionsprozesse in ihren Stärken kennen, dabei ihren eigenen Erfolg zu organisieren, individuell machbare Ziele festzulegen.
8. Kooperatives Lernen fördert eine hohe Lernverantwortung und -selbständigkeit bei den Schülern/innen. Es bahnt den Weg hin zu individuellen Lernzielen, - vereinbarungen, - vorhaben, in denen jede/r ihren/seinen eigenen Kompetenzerwerb organisieren kann.
9. Wer Schüler/innen zur Teamfähigkeit erziehen will, muss selbst teamfähig werden. Wer seinen Unterricht nachhaltig (kompetenzorientiert) umgestalten will, braucht Kooperationspartner in der Planung, Umsetzung und Evaluation. Wenn eine Schule/ein Fach/ ein Jahrgangsteam also auf den Weg des Kooperativen Lernen macht, kann das ein motivierender und wirksamer Schritt in die gemeinsame Unterrichts- bzw. Schulentwicklung sein.
Und noch eine entscheidende Chance: Kooperatives Lernen ist machbar, bevor die Strukturen des traditionellen Unterrichts grundsätzlich verändert worden sind. Es bietet deshalb der einzelnen Lehrkraft wie ganzen Schulen eine wichtige und gut begehbare Brücke von dem bestehendem Unterricht hin zu kompetenzorientierterem, selbständigerem, individuellerem Lernen. Es ermutigt, sich selbst in einer neuen Lehrerrolle und schülerorientierten Unterrichtsverfahren auszuprobieren, ermöglicht kleine Schritte, ohne schon strukturelle Entscheidungen vorauszusetzen.
Eine Brücke führt zu neuen Ufern: Fachübergreifendes Lernen in Vorhaben und Projekten, selbstbewusste Festlegung von Kompetenzzielen durch die Schüler/innen mit Kollegen/innen, die ihnen beratend/coachend zur Seite stehen ... Aber nicht nur diese Ziele, auch die ersten Schritte auf diesem Weg über das kooperative Lernen sind erfrischend, anregend, motivierend, Leistungen verbessernd, also: lohnend!
Jürgen Friedrich, 20.6.2010
Lehrer an der Gesamtschule Bockmühle in Essen
Moderator für Fortbildungen zum Kooperativen Lernen im Kompetenzteam Essen und im „Netzwerk kooperatives Lernen“
(Ausbildung durch das „Green-Institut“ und durch Tobias Saum/Ludger Brüning)
jurgen.friedrich@versanet.de; juergen.friedrich@kt.nrw.de